Astrid Hochbahn: Gute Supervision/Gutes Coaching

Was heißt es für mich, meine Arbeit gut zu machen? Wann bin ich – in meinen eigenen Augen – eine gute Supervisorin, ein guter Coach, eine gute Unternehmens- oder Organisationsberaterin?

Gar nicht so leicht zu beantworten. Denn was heißt gut? Heißt dies: Ich bin hilfreich für ein System? Heißt gut sein, dass ich die Menschen bzw. das System vor mir bestmöglich unterstützen kann? Sind die Ansprüche, die Kund*innen und Auftraggebende an mich haben, der alleinige Maßstab?

Erwartungen

Meine eigenen Ansprüche wollen oft hoch hinaus. Mir ist es wichtig, dass Klient*innen am Ende sagen, dass es für sie hilfreich war, dass ein Auftrag erfüllt ist, dass sich Schwierigkeiten gelöst, Anliegen geklärt haben. Dass die Dinge ein bißchen besser sind als vorher. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass auch ich mich wohlgefühlt habe unterwegs. Ich habe nicht die Idee, dass jemand überall, in jedem Setting gleich gut sein kann. Es gilt herauszufinden, was passt: welche Klient*innen, welche Anliegen und Aufträge, welche Settings.

Jeder Prozess ist Impro-Theater. Es braucht die Fähigkeit, sich auf das einzustellen, was im Moment gefragt ist. Wissen nutzen und Nicht-Wissen nutzen – beides ist notwendig. Es braucht einerseits Wissen über Strukturen, Systeme, Muster, Theorien usw. – und doch müssen wir gleichzeitig immer Staunende bleiben. Neugierig auf die Menschen und die Systeme vor uns. Mit dem Wunsch zu verstehen und zu lernen.

Wissen nutzen heißt, methodisch gut aufgestellt zu sein. Toll, wenn Supervisor*innen mit einem coolen, erfahrungsorientierten Methoden-Schatz unterwegs sind. Und doch ist die Königsdisziplin oft die Einfachheit. Erst einmal abzuwarten und zuzuhören. Auf die leisen Töne und die Musik zwischen den Zeilen zu hören, um zu verstehen, was wirklich los ist. Ein Methoden-Feuerwerk kann alle entlasten und das Eigentliche verdecken… Dann wurde das System gut unterhalten, ist aber keinen Schritt weiter.

Praxis

Es gibt eine Beharrungskraft in Organisationen – und auch bei Menschen selbst. Sie wollen verstört werden und Lösungen – und dann gibt es eine Energie, dass doch bitte alles möglichst so bleiben soll, wie es ist…. In der Praxis gibt es immer wieder viele Einladungen für Verwirrung, widersprüchliche Botschaften, unerfüllbare Aufträge. Was greife ich auf? Was lasse ich für den Moment unbeachtet? Was passt zu meinem Auftrag, den ich vielleicht von einer übergeordneten Instanz bekommen habe? Was mache ich, wenn Führung schlecht funktioniert? Was mache ich, wenn deutlich wird, dass in der Organisation insgesamt vieles schlecht läuft – ich dafür aber keinen Auftrag habe? Wie gehe ich damit um, dass ich mich in einer Welt und in Systemen bewege, die ich nicht „heil“ machen kann? Welchen Anspruch habe ich, welche Ergebnisse sind überhaupt erzielbar?

Als Supervisorin jongliere ich immer mal wieder zwischen Loyalitäten und Auftrag. Wem bin ich verpflichtet? In welche Richtung berate ich? Was mache ich mit dem übergeordneten Wissen über die Menschen und Prozesse, das sich in mir sammelt? Wann stelle ich was zur Verfügung, was behalte ich für mich? Wem gehört meine Loyalität? Was begreife ich als meinen Auftrag? Mit wem stimme ich das überhaupt ab?

Manchmal entstehen die Fragen im Nachhinein: Habe ich alle gut gehört? Habe ich gut gesteuert? Bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?

Notwendig ist ein ständiges Hören, Achten, Sichten, Sortieren. Ich muss aufmerksam und achtsam sein. Ich liebe systemische Methoden, die so viel sichtbar machen, die selbst Kraft haben. Das ist das Reizvolle an dieser Arbeit – es wird nie langweilig.

Die Arbeit mit Menschen, Teams und Organisationen ist komplex. Es gibt so viele Ebenen. Ich kann Muster bilden beim Zuhören; ich folge Impulsen; ich greife die Fäden heraus, die mir wesentlich erscheinen. Wir begeben uns auf einen gemeinsamen Weg und ein gemeinsames Abenteuer – und ich weiß genauso wenig wie meine Klient*innen, wo wir genau auskommen werden. Ich traue meiner Wahrnehmung, meiner Intuition, den Ideen, die sich bei mir melden. Ich traue dem gemeinsamen Sortieren, dem Zurückspiegeln – meiner Fähigkeit, immer wieder die Beteiligten einzubinden und Wahrnehmungen rückzukoppeln.. Sind wir gerade auf dem passenden Weg?

Es geht darum a la Rilke, die „Fragen selbst lieb zu haben und allmählich in die Antworten hineinzuwachsen“. Die Fragen als das zu sehen, womit sich das System vor mir gerade herumschlägt.

Und gleichzeitig gibt es auch bei mir immer Fragen, bin ich nie fertig, sondern in einem fortwährenden Lern-, Klärungs- und Wachstumsprozess.

Coaching, Supervision, Teamberatung, Organisationsberatung….

Manchmal ist es schon herausfordernd, einer Person gerecht zu werden, ihre Schwingungen aufzugreifen, zu schauen, was Bewegung in Festgefahrenes zu bringen, Lösungen zu kreieren. Und doch kommt mir die Arbeit im Einzelkontakt oft vor wie ein Spaziergang gegenüber den Dynamiken, die sich in Teams, Organisationen und Unternehmen entwickeln. Was „gut“ ist, unterliegt hier vielfacher Bewertung – und man nimmt selten alle mit. Das gilt es auszuhalten.

Spreche ich mit einer Einzelperson, kann ich mich ganz auf ihre Bedürfnisse einstellen und im Kontakt einschwingen. Ein bisschen wie ich das Mutter sein erlebt habe: Mit einem Kind war alles noch vergleichsweise einfach, mit dem zweiten kam ich mir vor wie eine Dompteurin, die ständig versucht, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu integrieren, ohne je irgendwem – geschweige denn mir selbst – noch ganz gerecht werden zu können….

Wie viel Klappern gehört zum Handwerk?

In einem Markt, in dem viele Coaches, Berater*innen und Supervisor*innen unterwegs sind, ist die Frage, wie gut man ist, nicht nur akademisch. Es gilt, Kund*innen zu akquirieren…. Viele positionieren sich, indem sie kleine Sandburgen bauen. Mit Fähnchen und Muscheln und allem, was dazu gehört, um einen Claim auf einen Teil des Strandes für sich abzustecken. Sie tun das mit einem stetigen „Ich kann`s, ich hab`s, ich bin`s“…. Sie sind cool, sie zeigen sich nicht, sie lassen beiläufig fallen, wen sie alles kennen, beraten, welche Summen sie bewegen…. Um auf diesem Markt bestehen zu können, stattet jede*r seine Sandburg mit Methoden, Theorien und USPs aus und verkündet, dass dies die Schönste und Beste ist – und die eigene Methode einzigartig…. Und viele von ihnen sind genau mit diesem Stil erfolgreich – offenbar gibt es Welten, wo man gerade dann „mitspielen“ darf, wenn man sich so positioniert.

Dabei kochen sie alle nur mit Wasser. Oft ist es so, dass die, die am lautesten schreien, nicht unbedingt die sind, die am meisten zu bieten haben. Je cooler sie tun, desto mehr Verletzlichkeit und Unsicherheit muss mitunter gebannt werden.

So mancher kreiert ein Gefälle, um sich selbst zu schützen. Macht sich groß und unangreifbar. Auch eine Art, die eigene Unsicherheit zu verstecken und ein für allemal vor die Tür zu schicken. Leider macht dieses Gehabe dann oft auch die Klient*innen subtil klein macht und verhindert Entwicklung geradezu.

Ich glaube, dass es auch anders geht. Es gibt wunderbare Coaches, Supervisor*innen und Trainer*innen, die ich gerade deshalb überzeugend finde, weil ich sie kompetent und menschlich und weise finde. Nicht nur glatt. Nicht nur mit Erfolgs-Talk.

Was ist für mich Kompetenz?

Was mich überzeugt, sind Menschen, die bei sich bleiben. Authentisch und echt, ehrlich zu sich selbst. Die innerlich so groß sind, dass sie es nicht nötig habe, andere auf Abstand zu halten. Die nicht cool, sondern selbst menschlich und verletzlich sind. Und gleichzeitig souverän, kompetent und klug.

Natürlich ist auch Wissen nötig:

  • über Theorien und Methoden
  • über Systeme, Organisationen, Gruppen- und Teamdynamik, Leitung…
  • über Zahlen, Strukturen, Ordnungen, Rahmenbedingungen, Gesetze, Branchen
  • über sich selbst, die eigene Geschichte und eigene Themen

Aber es braucht viel mehr als Wissen. Was zu lernen ist:

  • Prozesse steuern, Aufträge klären und als Focus im Blick behalten
  • spüren, wahrnehmen, zwischen den Zeilen hören; Muster sehen lernen; das hören, was unter dem Gesagten liegt
  • der eigenen Intuition und Wahrnehmung trauen
  • ankoppeln an Systeme, an Menschen und Beziehung herstellen
  • Menschen lieben, von Herzen wünschen, dass sie sich weiterentwickeln und ihre Ziele erreichen, zufrieden/erfolgreich/klar/glücklich sind – was immer sie sich für sich selbst wünschen
  • Erfahrung und Auseinandersetzung mit sich selbst/innere Integration
  • Wertschätzung, Achtsamkeit, Behutsamkeit
  • sprachlich fein und sensibel sein, spiegeln können
  • Körpersprache wahrnehmen und als Beratungsressource nutzen
  • ungemütlich und unbequem sein können – und dann wieder anschlussfähig: konfrontieren können, mutig sein – den rosa Elefant im Raum benennen
  • Gruppen leiten können – die Einzelnen im Blick, den Auftrag vor Augen
  • improvisieren – kreativ, lustig, aus dem Moment heraus
  • etwas mit dem/der Klient*in vor mir entwickeln, was methodisch hilfreich sein könnte
  • vermeintliche Sicherheiten loslassen und sich einlassen auf das, was jetzt in diesem Moment in der Beratungssituation passiert,
  • durchlässig sein, Resonanzen spüren und mit ihnen arbeiten
  • Menschen unterstützen – in ihren Schwierigkeiten und Herausforderungen, ihren Sehnsüchten und Wünschen, Gefühlen und Fragen ….
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